by Jack
Rock am Ring
„You know I’m born to lose, and gambling’s for fools, But that’s the way I like it baby, I don’t want to live forever“ Ace of Spades, Motörhead

Rock am Ring, das ist quasi die Mutter aller deutschen Festivals und seit Jahrzehnten der traditionelle Start in die hiesige Festivalsaison. Es ist früh am Sonntagabend und ich und mein Kollege Stefan haben bereits ein ereignisreiches Wochenende hinter uns. Noch vor Festivalbeginn haben wir am Freitag bereits Campino von den Toten Hosen getroffen, im Anschluss dann die Donots, gestern gelang es uns noch die Jungs von Enter Shikari abzufangen, letzteres zweifellos ein persönliches Highlight von mir…

Wir sind geschafft, müde, das entspannte Gefühl alles erlebt zu haben befällt uns und eher pflichtbewusst und ohne wirklichen Elan begeben wir uns in Richtung Bühne. Gleich sollen die Beatsteaks spielen, nach ihnen dann die Foo Fighters als Headliner. Wir laufen an der Tribüne vorbei und mehr im Scherz fällt Stefan ein das man ja auch mal da hochgehen könne, schließlich waren wir an diesem Wochenende überall, da dürfe man die Tribüne nicht auslassen. Mmh, joa, klingt nach Stress, aber gut meinetwegen, dann mal rauf da, eine kleine Treppe dort am Rand, da scheint es hoch zugehen, seltsam, gibt es hier keine Security, na wenn das so ist…

Wir stehen in einem kleinen abgesperrten Bereich, erstmal umschauen, was gibt es hier so? Zwei bis drei Leute stehen gelangweilt rum, aber irgendetwas ist anders, der Typ da drüben trägt Hemd und Anzug, ein anderer sieht aus wie ein Rennfahrer. Verdammt, gibt es hier etwa einen Dresscode? Immerhin, im hinteren Raum steht eine Bar. Zielsicher steuern wir darauf zu, oh ist das ein Buffet, na herrlich, also erstmal nen Teller geschnappt, es gibt feinsten Spargel der Saison. Der Barmann fragt uns was wir trinken wollen aber viel wichtiger ist nach was er nicht fragt: Nach Geld. Wir ahnen langsam das wir uns in einem nicht ganz gewöhnlichen Bereich des Festivals befinden. Darauf ein Bier und einen Wodka, ach was noch einen, schließlich haben wir gefunden nach was man im Musikgeschäft oft sucht aber viel zu selten findet: eine Freibar. Draußen spielen inzwischen die Beatsteaks, aber dort auf dem Balkon, ist das nicht, klar das ist doch…

Breiti von den Hosen steht da und genießt das Konzert, und zack, da ist Stefan schon ihm Gespräch mit ihm, irgendwas über Rock im Park und die schweren Gewitter der letzten Tage, auf jeden Fall übers Wetter, ein Klassiker, immer gut. Breiti verabschiedet sich irgendwann, doch bevor wir herausfinden können wo wir sind kriegen wir erneut Gesellschaft, und was für eine…

Die Treppe herauf kommt kein Geringerer als Marek Lieberberg, Veranstalterlegende von Rock am Ring und Park, Big Boss und Gründer dieses Riesenfestivals, begleitet von einer ganzen Entourage an Menschen. Wir wissen: jetzt brauchen wir ein Foto sonst glaubt uns die Scheiße hinterher wieder keiner. Aber wie, man wil ja nicht aufdringlich sein, erstmal noch einen Wodka (wir erinnern uns: Freibar), wir kommen ins Gespräch mit einen Jungpolitiker, aber natürlich ist das alles nur Alibi, alle paar Minuten schielen wir zu Marek, was machen die da, laut unserem Gesprächspartner handelt es sich um eine Art Business Meeting, ein schlechter Augenblick um für ein Foto dazwischenzufunken. Aber da, was passiert jetzt, ahhh, Zeit für ein Gruppenfoto. Etwas unbeholfen stehen wir herum, da ruft bereits einer von Lieberbergs Assistenten: „Hey Jungs, kommt mal mit drauf, rockt mal ein wenig ab hier!“ Alles klar Mann, was immer du sagst, aber hey, Marek, danach machen wir noch eins allein, oder? Keine Frage. Nach 5 Minuten ist alles vorbei und Lieberberg und die Kolonne ziehen weiter. Fassungslos sehen wir uns an, was ist hier gerade passiert, wo zur Hölle sind wir? Noch einen Wodka, Stefan ist jetzt im Gespräch mit einer Radiomoderatorin, wie lange sie den Marek ja schon kenne und so weiter, im Augenwinkel erkenne ich inzwischen auch die Kinder von Hosen-Gitarrist Kuddel auf der Terrasse…

Auf einmal tritt ein Rock am Ring Security an uns heran:
„Hi Jungs, kann ich mal eben eure Pässe sehen?“
Argh! Die Todesfrage. Als Stefan und ich verneinen die Entgegnung:
„Aber ihr wisst schon wo ihr hier seid oder?“ Äh, nun ja…
„Das ist der private Backstagebereich von Marek Lieberberg, reserviert nur für engste Freunde und Verwandte.“
Der private Backstage von Marek Lieberberg, soso. Na danke sehr. Können wir unsere Getränke noch austrinken?
„Alles gut Jungs, wir wollen hier kein Aufsehen, trinkt euer Bier, aber dann macht ihr bitte los, okay?“
Kein Aufsehen, klar. Darauf noch einen Wodka.

Euphorisiert verlassen wir die Tribüne, der Privatbackstage von Marek Lieberberg, wie unfassbar gut. Jetzt brechen alle Dämme, nichts kann jetzt mehr kommen denkt man. Oder doch? Wir werfen uns in die Menschenmenge, die Foo Fighters spielen längst, in der Euphorie reißen wir einige Leute mit, ein gewisser Lars stellt sich uns vor und weicht uns seitdem nicht mehr von der Seite. Zu dritt tanzen wir uns voran bis es nicht mehr geht, jetzt ist Crowdsurfen angesagt. Wir lassen uns nacheinander hochheben, Dave Grohl stimmt passend dazu den Song „Walk“ an, ein Lieblingslied, ein großer Moment. Vorne kennt uns die Security bereits, keiner schaut genau hin und so kommt der gute Lars das erste Mal im Leben hinter eine große Festivalbühne.

Da stehen wir nun, verschwitzt und glücklich, aber wie weiter? Drüben auf der Alternastage röhrt Lemmy mit Motörhead, also hin da, man darf jetzt nicht aufhören, die Stimmung ist gut, jetzt kann uns alles gelingen. Hinter der Alternastage stehen bereits zahlreiche Bühnenbauer, wir kommen schnell ins Gespräch, die meisten hier kommen aus der Region Leipzig-Halle, ergo wir sind schnell eine Crew. Wir reden weiter, ich drehe mich um, verdammt wo ist Stefan, ein Blick nach oben, Nein, oh Gott, klettert der da wirklich gerade von hinten die Bühne hoch? Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, aber die Bühnenmenschen haben andere Sorgen, das Konzert scheint bald vorbei zu sein, keiner achtet auf uns. Also los, Stefan hinterhergeklettert, niemand scheint uns aufzuhalten, es ist zu leicht. Oben angekommen, kein Stefan in Sicht, verdammt, ist der etwa vorn herunter gesprungen, wo steckt er nur? Da vorn hockt ein Typ mit Bauarbeiterhelm, Stefan, na endlich.

„Warum bist du nicht gesprungen?“
„Alter, das ist viel zu weit!“
„Und jetzt?“
„Keine Ahnung!“
Motörhead haben gerade das letzte Lied beendet, die Menge jubelt, die Band verbeugt sich, irgendwas muss jetzt hier passieren.
„Stefan, wir rennen jetzt!“
„Was?“

Und los, mit Vollgas auf die Bühne, Stefan hinterher, direkt auf Lemmy zu, jeder eine Flanke, der Gute kriegt beinahe einen Herzinfarkt. Aber die Band bleibt cool, alle umarmen sich und wir verbeugen uns, gemeinsam mit Motörhead, Lemmy in der Mitte, es ist unfassbar… Das Ganze dauert keine 10 Sekunden, dann hat uns die Security im Klammergriff, ich kann mich befreien aber werde direkt aus dem Backstage gejagt „YOU GO!“ Kein Grund aufzugeben, 5 Minuten später treffen wir uns wieder hinten, Stefan, Lars, alle sind da. Alter, ist das gerade wirklich passiert, standen wir da gerade mit Lemmy auf der Bühne, what the fuck, wie war das noch mit jetzt kann nichts mehr kommen. Es herrscht Euphorie Level 5000, alles verschwimmt und langsam aber sicher verblasst der Rest des Abends…

Schnitt, Weihnachten ein halbes Jahr später, ich bin in Norddeutschland bei meiner Familie und erfahre das Rockikone Ian Fraser Kilmister, genannt „Lemmy“, Sänger und Bassist der Band Motörhead gestern gestorben ist. Ein paar Stunden später telefoniere ich mit Stefan.
„Alter Lemmy…“
Alter Lemmy!
Es bleibt unfassbar.

Euer Jack