by Jack

“Deine Leiche wurde schnell gefunden, das war zwei Tage interessant. An deinem Arbeitsplatz sitzt ein neuer Mann, doch was ist da schon besonderes dran…” Die Toten Hosen, Reisefieber

Montagnachmittag, ich befinde mich auf dem Rückflug von einem Kurztrip aus der Schweiz nach Dresden. Direkt nach dem Aufsetzen auf der Landebahn bekomme ich noch im Flugzeug eine Whatsapp Nachricht, ein Kollege, du Jack, die Hosen spielen heute in Dresden auf der NoPegida-Demo, nur so als Tipp, er könne leider nicht aber falls ich hinfahren will, das Ding sei safe, das Ganze kommt von Freunden die am vorherigen Tag in Chemnitz waren…

Nun muss man wissen: die Hosen haben am Sonntagabend zuvor ein Proberaumkonzert in Chemnitz gegeben, quasi an der alten Wirkungsstätte direkt an der Kassbergauffahrt, selbes Gebäude, selbe Etage, nur einen Raum weiter wie der Proberaum unserer früheren Band, auch noch bei Kumpels die man kennt wie so viele in der Chemnitzer Musikszene…

Aber gut, nun also Dresden, gerade gelandet, also zweite Chance, geil, aber will ich echt, ich bin ziemlich fertig von dem Schweiz Trip… Aber es hilft nichts, zuhause würde man sich nur ärgern nicht da zu sein, also den Kumpels Tschüss gesagt, noch was gegessen und direkt zum Pegida Treffpunkt in die Dresdner Altstadt… Und nix ist zu sehen. Ich denke scheiße, war das doch eine Ente, haben die Chemnitzer wieder irgendwas falsch verstanden, im Internet ist auch nix zu finden, gibt es überhaupt ne Gegendemo, wie kann das sein usw usf. … an der Frauenkirche frage ich einen schwarzgekleideten-bisschen alternativ aussehenden Typen, hey ich suche das Konzert, irgendeine Punkband soll spielen, weißt du was. Er meint, ja du willst zur Demo, ich such das auch, lass zusammen hingehen…

Also 10 min um den halben Platz laufen bis wir endlich vor einem kleinen Lieferwagen mit einer überschaubaren Menschenmenge stehen und da sitzen sie tatsächlich, die Hosen, gerade ist Pause wegen einem Wortbeitrag, ich denke noch, scheiße jetzt hast du es verpasst, echt jetzt…

Aber nein, alles ist gut, 4 Stücke sind vorbei, weitere folgen und ich bin mittendrin… Nachdem am Tag zuvor Chemnitz nicht sein sollte, ergibt sich hier unerwartet eine zweite Gelegenheit und ich bin da, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, also lets go, rein ins Getümmel, mitsingen, es reiht sich Hit an Hit, Hier kommt Alex, Altes Fieber, Pushed Again und viele mehr. Auch Campino wird langsam wach und lässt sich bei Wünsch dir Was durch die Menge tragen, immer nah am Fan natürlich, das volle Hosen-Programm …

Die Geschichte könnte jetzt vorbei sein, aber erfahrungsgemäß kann es wenn so viel passt eben auch noch krasser werden, durchhalten ist jetzt angesagt. Das Konzert geht eine Weile, der Hauptteil ist irgendwann durch und Campino fragt ganz klassisch nach Zuschauerwünschen. Ich rufe Reisefieber, eins meiner Lieblingslieder und eine ihrer frühen Singles und er nur so “Reisefieber, ja kannst du pfeifen?” Kann ich nicht, aber egal, da kommt schon der nächste Satz “ja du, komm mal hoch hier”……………….

Also schnell mithilfe von Toni dem Security auf den Laster geklettert, den Rucksack mit den Reise-Sachen abgesetzt, mein Gott ich komme ja grad frisch vom Flughafen, noch ein Bier von Campi in die Hand gedrückt und los gehts, Lieblingslied mit Campino singen, inzwischen mitten auf der Albertbrücke vor der versammelten Demogruppe, die inzwischen um ein beträchtliches angewachsen ist, mega nervös, mega fertig und daher ziemlich wacklig auf den beinen… Aber was für ein Moment, was für ein verfickter Zufall 😀

Ich helfe noch ein wenig bei den Background Stimmen, und irgend wann ist der Song vorbei, ich springe hinab und surfe noch ein wenig über die Menge, die Nummer scheint halbwegs angekommen zu sein, puh, immerhin nicht völlig blamiert…

Danach kann nichts mehr kommen. Der Demozug geht bis Dresden-Neustadt, hinter mir steht auf einmal ein Bekannter, wir haben uns ewig nicht gesehen doch es stellt sich heraus, das er den Kollegen in Chemnitz den Tipp mit dem Konzert gegeben hat. Ich fasse es nicht, wie abgefahren, der Kreis schließt sich, er schickt den Tipp nach Chemnitz und jetzt stehen wir gemeinsam hier. Alles ist wie gemalt, alle Zahnräder greifen ineinander, ein perfekter Kreis, fuck, man kann es sich nicht ausdenken, was ist denn los…

Irgendwann ist das Konzert/ die Demo vorbei, wir stehen am Albertplatz in Dresden-Neustadt, ich mache noch Bilder mit Drummer Vom, Paul Ripke, Patrick Orth dem Manager, halt die üblichen Verdächtigen und treffe danach noch Kumpels von ner befreundeten Band… Es ist mittlerweile halb 10, ich bin ziemlich durch, aber jetzt muss natürlich noch mit den Freunden was getrunken werden, ich habe ja auch keinen Schlafplatz in Dresden, mein Handy ist längst tot, aber scheiß drauf, irgendwas wird sich schon ergeben, auf gehts, die Freunde haben vorhin tatsächlich beim Currywurst essen noch einen 100 Euro Schein auf dem Boden gefunden, ergo niemand muss heute mehr zahlen, alles passt, es ist wie ein Traum…

Am Ende übernachte ich gegen halb 4 morgens bei Tim. Tim ist im Hauptberuf Lehramtsstudent und kennt mich von meiner früheren Band Flesh Gordon. Wie auch sonst. Tim muss am nächsten Morgen zum Praktikum/Referendariat in eine Dresdner Mittelschule, verschläft natürlich, zwingt sich aber dennoch in Hemd und Krawatte um verkatert mit ein paar Siebtklässler eine Leistungskontrolle zu schreiben. Respektabler Move. Ich dusche und versuche mich mit dem einzigen Wermutstropfen des gestrigen Abends abzufinden, ich habe wohl irgendwo in der Nacht nach dem Konzert noch mein Handy verloren. Ärgerlich, aber ist okay, alles ist nach gestern okay. Tim kommt gegen mittag wieder heim, immer noch verkatert, aber weil ja alles passen muss zaubert er noch das beste Frühstück der Welt, Rührei mit Hack und Bacon, ja genau Hack UND Bacon. Wie gesagt, es ist wie ausgedacht. Und weil das so ist rufen wir irgendwann gegen 3 Uhr nachmittags noch bei den Dresdner Verkehrsbetrieben an, die umgehend bestätigen das gestern Nacht zwischen 2 und 3 ein schwarzes Handy, ergo MEIN Handy in der Bahn gefunden wurde und nach einer kurzen nachmittäglichen Odyssee durch sogenannte Kundenservicebüros habe ich gegen 17:00 Uhr dann auch mein Handy wieder.

18:00 fährt meine Mitfahrgelegenheit an der Semperoper, es ist ein herrlicher Frühsommertag in Dresden, alles ist noch immer wie gemalt. Ich steige ins Auto, gute nacht Welt, ich bin raus und danke für alles.

Jack