by Friedrich

Interview mit Blackout Problems 16.03.2016 in Dresden / Groove Station

Am 16.03. ist in der Groove Station die realste Band im Bereich des melodischen Punk Rocks aus Deutschland, Blackout Problems, aufgetreten im Rahmen ihrer Clubtour zum Release ihres neuen Albums „Holy“. Vorab konnten wir uns mit Leadsänger und Gitarrist Mario und Bassist Marcus  unterhalten. Die Band ist gerade erst 16 Uhr angekommen, hatte fix den Soundcheck absolviert und war anschließend bereit zum Gespräch mit uns im Nebenhaus, während das Abendessen auf dem Tisch serviert stand. Alles vegan selbstverständlich. Ein runder Tisch. 4 Stühle. Los ging es.

Blackout Problems

Friedrich
Ihr habt im Februar euer neues Album „Holy“ herausgebracht und dafür soweit gute Kritiken in der Szene bekommen. Wie geht es euch mit der neuen Platte?

Marcus
Bis jetzt geht es ganz gut. Wir freuen uns die Shows für unsere Tour spielen zu können, um die Platte zu präsentieren. Wir waren bis jetzt nur in Österreich unterwegs, was für uns sehr gut war. Wir hatten am Anfang nicht unbedingt damit gerechnet, dass so viele Leute auf unsere Shows kommen. Heute sind wir in Dresden das erste Mal in Deutschland auf der Tour, während des Tourzyklus’.

Friedrich
Überhaupt das erste Mal in Dresden?

Marcus
Ja. Wir freuen uns einfach darauf, was jetzt ansteht in den nächsten Wochen und uns erwartet.

Mario
Dem kann ich mich nur anschließen.

Friedrich
Im Rahmen der Kritiken war zu lesen, dass ihr als „Underground Helden Band“ (Rita Argauer, Süddeutsche Zeitung) und als „innovativer als das meiste, was die großen Ami – Poppunkbands in den letzten Jahren zustande gebracht haben“ (Dominik Kalus, laut.de) gelobt worden seid. Habt ihr das Gefühl, dass ihr in diesem Genrebereich, in dem ihr euch bewegt, ein ordentliches Stück abgeliefert habt?

Mario
Wir tun uns mit dem Genre Poppunk sehr schwer. Wir sehen uns eigentlich gar nicht diesem Bereich zugehörig. Das wird uns oft von außen zugetragen.

Friedrich
Da kommt ihr ja auch eigentlich gar nicht her.

Mario
Eigentlich nicht. Irgendwo auf der anderen Seite schon, weil uns definitiv Bands beeinflusst haben, die unter Poppunk zählen würden. Allerdings eher aus dem Zusammenhang, dass Bands wie Blink, Sum 41 und Green Day gezeigt haben, dass man keine Virtuose sein muss, um Songs zu schreiben. Man kann auch mit Power Chords Songs schreiben und sich ausdrücken. Andererseits hören wir musikalisch so viele verschiedene Dinge, die gar nicht zu Pop Punk passen. Jedenfalls nervig ist, dass wir eben nicht diese High School Rocker sind, die auf irgendeiner Party spielen, wo es komische rote Plastikbecher gibt und Beerpong gespielt wird. Das passt eigentlich gar nicht zu uns. Dementsprechend fühlen wir uns da eher fehl am Platz. An sich ist es aber natürlich sehr, sehr schön was Magazine über uns schreiben. Das wissen wir sehr zu schätzen. Dann überlesen wir dabei auch die Genrebezeichnung gerne mal.

 

Blackout Problems 2

Friedrich
Ihr verkörpert in den Medien den Status einer Undergroundband. Euch gibt es bereits seit 2008.

Mario
Ja, wir haben schon sehr früh zusammen angefangen. Mit dem Michi als Schlagzeuger gibt es uns noch nicht so lang. Du hast uns vorher als „real“ bezeichnet. Das können wir auch so stehen lassen, weil wir immer viel gemacht, gearbeitet und probiert haben. Marcus und ich haben uns bereits in der Schule kennengelernt und dort beschlossen gemeinsam Musik zu machen. Nur haben wir lange Zeit nicht den perfekten Schlagzeuger gefunden. Erst seit Michi dabei ist, können wir richtig Gas geben. Folglich hat auch das Album so lange gedauert, weil wir erst die entsprechende Umgebung finden mussten, in der wir uns wohlfühlen und anfangen konnten coole Songs zu schreiben. Freunde finden im Musikbereich. Alles sowas.

Friedrich
War diese Phase, in der ihr lange Zeit ohne Label oder Musikverlag arbeiten musstet, hart? Das Gefühl zu haben wie im Treibsand zu versuchen, vorwärts zu kommen. Der berühmte eine Schritt nach vorn und zwei zurück.

Marcus
Ja voll. Ich denke solche Erfahrungen macht jede Band. Es ist natürlich in dem Moment scheiße und wirft dich mental zurück. Bspw. wenn man als Band eine Klatsche von einem Label bekommt oder von anderen Leuten der Support flöten geht. Ich glaube das ist keiner Band unbekannt, dieses Gefühl zu haben. Das Wichtigste ist nur, dass man aus den Sachen lernt und trotzdem weiter versucht am Ball zu bleiben.

Friedrich
Glaubt ihr, dass das am Standort Deutschland zum Teil liegt? Gerade auch die Stadt München bietet da nochmal besondere Probleme aufgrund der Menge an Geld, die man zunächst erstmal aufbringen muss, um einen Proberaum zu mieten etc.

Mario
Ja, stimmt schon. Wir haben sehr lange Zeit Toast mit Käse gegessen und tun es auch immer noch. Das Hauptproblem an München ist dessen Ambivalenz. Auf der einen Seite wird es von außen als Schnöselstadt betrachtet, aber es gibt auch Bands wie uns oder noch viel undergroundigere Bands. Diese Bands haben das Problem einen Proberaum finden zu müssen und die sind tatsächlich relativ teuer. Da hat uns die Stadt hier und da Steine in den Weg gelegt. Andererseits ist es geografisch ein guter Standort, weil wir sind schnell in der Schweiz und Österreich. Für uns ist es jetzt gerade auch spannend aus der Stadt rauszukommen und andere Orte kennenzulernen.

Friedrich
Hattet ihr bislang schon Zeit die Stadt Dresden zu sehen?

Mario
Nee. Gar nicht leider.

Friedrich
Und heute Abend irgendwie nochmal raus?

Mario
Diese Romantik, dass man als Band auf Tour die einzelnen Städte kennenlernt, haben wir gar nicht die Möglichkeit dazu. Wir sitzen erstmal fünf Stunden im Auto. Dann kommen wir im Club an. Müssen schnell aufbauen. Wenn wir jetzt ne größere Band wären, die sich nen Nightliner leisten kann und dazu es noch Leute gibt, die das Zeug aufbauen, dann können wir natürlich danach noch was machen. Der Tagesablauf ist aber eben ankommen, aufbauen, Soundcheck, Show spielen, abbauen und danach hast du oft auch keinen Bock mehr. Dafür sind dann eher die freien Tage da. Sonntag und Montag sind wir z.B. in Düsseldorf. Da haben wir dann Zeit, können uns die Stadt anschauen.
Ey ist schade. Ich würde gerne mal Dresden, Leipzig alles mehr erkunden. Hab ich echt Bock drauf.

Blackout Problems 3

Friedrich
In euren Texten geht es um soziale Ungleichheit, Milieus. Wie habt ihr das in der Stadt München wahrgenommen? Diese Stadt besitzt meinen Eindruck nach ein krasses Level an Lebensqualität, wohingegen im Osten nochmal Armut auch rein quantitativ betrachtet eine viel größere Rolle spielt. Was ist dein Blick auf diese Stadt, dass du solche Texte schreiben kannst?

Mario
Einerseits muss man auch sagen, dass die ganzen Songs nicht nur auf die Stadt München bezogen sind, weil wir sind auch schon viel unterwegs bzw. immer daran interessiert unterwegs zu sein, um eben nicht nur die Welt zu porträtieren, die direkt vor der Haustür liegt. Natürlich spielt auch die Stadt München eine große Rolle. Aber selbst in dieser gibt es sehr viele ambivalente Stellen. Zum einen diese extreme Dekadenz, der ich wirklich nichts abgewinnen kann. Das widerspiegelt nichts von den Werten wieder, die wir beabsichtigen zu verkörpern als Band. Definitiv ein Spannungspunkt, warum wir überhaupt in dieser Stadt noch wohnen. Andererseits gibt es auch viele Menschen, die auf der Straße sitzen und nebenher existieren. Für diese Menschen gibt es keine Lobby, wie sie z.B. irgendein D-Prominenter genießt, welcher in den Club geht und dann auf die Tanzfläche scheißt. Wer die Augen offen hält, kann diesen Menschen, den es scheiße geht jeden Tag begegnen und erkennt sie wieder, wenn man sich normal in der Stadt bewegt. Du erkennst die Leute, welche bspw. die BISS (“Bürger in sozialen Schwierigkeiten”) verkaufen an deinem U-Bahnhof, wo du immer bist. Diese Leute sind nicht spurlos an Texten vorbeigegangen.

Friedrich
Ist das der Punkt, wo ihr den Bogen zur Gesellschaft spannen wollt?

Mario
Auf alle Fälle. Ein Maler malt. Ein Autor schreibt. Wir machen Musik, um das auszudrücken, was wir in uns haben und da fühlt man als Heranwachsender eine Wut, die umgehend in einen Text oder einen Song gepackt wird. Musik hat eine wahnsinnige emotionale Ebene, die ausdrückt, was du persönlich denkst. Es macht dich nackt, denn es erklärt dein Fühlen und Denken und trägt es nach außen. Auf dem jetzigen Album haben wir viel reingesteckt, was uns derzeit auf den Keks geht.

Friedrich
Gibt es denn auch die Idee aus München wegzuziehen?

Marcus
Gute Frage.

Mario
Da muss dazugesagt werden, dass keiner von uns gebürtiger Münchner ist. Wir sind da alle eher so zufällig gelandet, obwohl das ist mit dem wir immer konfrontiert werden. Nee wir sind keine Münchner. Nee, nee. Dieser ganze Bier- und Weißwurstbrauch hat nichts mit uns zu tun. Damit sind wir nicht aufgewachsen. Wir haben da nicht konkret wurzeln, uns aber nen coolen Freundeskreis mittlerweile aufgebaut. Das schließt wiederum nicht aus, dass man da auch mal weggeht. Ansonsten gehen ja alle gerade nach Leipzig. Oder Wien würde mich auch interessieren. Oder irgendein kleines Dörfchen am Meer.
(Marcus wirft nebenbei Sachen wie Miami, New York, Ibiza und Mallorca ein. Alle lachen)

Friedrich
Eine andere Sache: Was waren Meilensteine auf eurem Weg, bei denen ihr sagen würdet, dass hat uns richtig vorangebracht? Gerade da ihr als Band lange Zeit selbstständig gearbeitet habt, ohne große Unterstützung seitens eines Labels oder eines Musikverlags: was könnt ihr Musikerinnen und Musikern raten, um weiterhin am Ball zu bleiben?

Marcus
Eine der wichtigsten Schritte, die du als Band machen kannst, ist live zu spielen. Wenn du als Band viel live spielst, wird es unweigerlich dazu kommen, dass du neue Leute kennenlernst bzw. andere Leute auf dich aufmerksam werden. Hieraus kann sich in der Folge ein Netzwerk entwickeln, mit dem du dann arbeiten kannst. Selbst wenn es nicht das große Label im Hintergrund gibt, was dich finanziert. Bei uns maßgeblich war da definitiv der Kontakt, den wir zu unserer Bookingagentur Sparta bekommen haben. Das war das Krasseste, was uns bis dahin passiert ist. Ein richtiger Meilenstein. Endlich hatten wir jemanden, der für uns Konzerte bucht und auch ein Netzwerk hatte, worüber wir wiederum profitieren konnten, um bessere Konzerte zu spielen. Das war so entscheidend, dass wir sonst bspw. jetzt nicht hier sitzen würden. Aber das kommt auch mit der Zeit. Das Wichtigste ist, dass man als Band nach draußen geht, auch wenn keine Bookingagentur einen an die Clubs bringt. Sonst ist es ein Teufelskreis. Wir haben bis zu diesem Zeitpunkt auch nichts anderes gemacht, als es selber probiert. Über Freunde, E-Mails, etc. und haben dann natürlich auch irgendwo in Hamburg für umme gespielt. Hauptsache war, wir konnten spielen. Wenn du als Band nicht richtig viel Glück hast, funktioniert es auch meiner Ansicht nach nicht anders.

 

Blackout Problems 7

Friedrich
Ihr habt außerdem eine krasse Facebookpräsenz mit einer Followerschaft von ca. 14000 Leuten. Nützt das was?

Mario
Es kommt darauf an, wo die Klicks herkommen. Wenn du die kaufst, nützt das nichts. Wenn du die sammelst, so wie wir das gemacht haben, bringt das schon was. Am Ende kommt es trotzdem darauf an, ob du guten Content hast. Wenn du den Leuten nichts bieten kannst, ist die Followerschaft am Ende egal. Dann besteht da auch kein Interesse. Du musst da auch als Band irgendwas liefern, was die Follower gut finden.

Marcus
Die 14000 ist auf jeden Fall eine Zahl, die für uns groß ist. Wenn wir mal davon ausgehen, dass sich das nur auf den Kreis Deutschland, Österreich und Schweiz beschränkt, dann ist das echt viel für uns. Wenn alle diese Leute uns mal auf Konzerten besuchen würden, wären es die schönsten Konzerte der Welt. Klar, ist es aber leichter einmal auf „Gefällt mir“ zu klicken, als eine Karte für ein Konzert zu kaufen, geschweige denn hinzukommen.

Mario
Es ist halt ein Start. Irgendwann kommt es nach dem ersten Klick auch vielleicht zum Kauf einer Karte. Irgendwann landen sie dann beim Konzert.

Marcus
Es ist auch vielleicht etwas mehr zum anteasern. Viele Leute checken das erstmal ab, ob sie überhaupt was mit der Band anfangen können.

Friedrich
Abschließende Frage: wie wird es heute? Was macht ihr schönes?

Mario
Wir sind sehr, sehr gespannt. Wir werden heute unser komplettes neues Album spielen von vorne bis hinten. Außerdem freuen wir uns total in dieser Stadt zu sein und das ist auch keine Laberei, sondern wirklich ernsthaft. Es gibt für uns Regionen, die sind leichter zu spielen und manche nicht. Entweder weil uns da keiner kennt oder weil wir da noch nicht so oft waren. Zum einen gibt es da im Norden so Flächen, wo vereinzelt Kommentare kommen: „kommt doch mal zu uns nach Kiel“. Und wir waren da noch nie und müssen da unbedingt hin. Auch Dresden, Leipzig, Chemnitz, diese ganzen Städten sind einfach so schön und da müsste man viel öfter sein.

Marcus
Dem kann ich mich anschließen. Ich freue mich drauf. Die Bühne in Dresden. Es wird spannend. In Chemnitz, Leipzig und Jena haben wir überall schon gespielt, aber Dresden noch nie.

Mario
Marcus ist in Halle geboren, deswegen ist es für ihn quasi schon ein Heimspiel.

Marcus
Deswegen würde ich auch nicht nach Leipzig ziehen, weil dann mein Hallenser Herz bluten würde.

 

Blackout Problems 8

Das Aufnahmegerät war dann aus, aber wir saßen noch eine Weile mit der Band im Bandhaus. Meine selbstgedrehte Zigarette schon ganz feucht vom mehrmaligen Wenden in meinen Händen. Trotzdem kamen wir noch auf das Thema, auf welches man wohl kommen muss, wenn es um die Stadt Dresden geht seit nunmehr über einem Jahr: Fremdenhass, Nationalismus. Mario hatte sich bereits die Fahrt darüber Gedanken gemacht, ob er auf der Bühne was sagen soll bzgl. dieser doch sehr speziellen Thematik. Klar Musik muss für sich sprechen und Leute, die in die Groove Station zu Blackout Problems gehen, haben in der Regel wenig mit dem Pegidamob gemeinsam. Mein BMF-Kollege André bekräftigte dann nochmal, dass die Stimmung sich in Dresden so anfühle, als wäre sie am kippen. Niemand weiß von niemanden, wessen Kindes Gesinnung der Sitznachbar in der Straßenbahn ist. Maler malen, Autoren schreiben und Musiker machen eben Musik um zu vermitteln, was für sie die Gesellschaft ist mit all ihren positiven und negativen Aspekten. Alle Leute, deren wichtigstes Anliegen in dieser Gesellschaft nicht Hass verbreiten ist, können dem nicht einfach so zusehen. Gerade in Dresden nicht und auch gerade nicht in einer Musikszene, die sich als alternativ bezeichnet. Dass das Lied „Home“ im Zugabenblock, anschließend all denen gewidmet war, die sich hierfür engagieren oder einfach nur da sind, hat nicht nur die BMF Redaktion erfreut.